Vertrieben –geflüchtet – gestrandet – angekommen?

Erinnerungen von Werner Foege – aufgeschrieben von Margrit Hayen (Verein für Heimatgeschichte der Gemeinde Bockhorn e.V.)

 

Geboren ist Werner Foege 1933 in Nidden auf der Kurischen Nehrung im Kreis Memel in Litauen das bis 1919 zum Deutschen Reich gehörte, dann Mandatsgebiet Memel wurde und ab von 1923 bis 1939 zum unabhängigen Litauen gehörte..

Die Familie, Großeltern, Eltern und fünf Geschwister, besaß ein Anwesen. Die Männer fuhren mit ihrem schweren hölzernen Fischerkahn, dem  Kurenkahn, mit den charakteristischen Wimpeln zur Nacht zum Fischen hinaus aufs Haff. Im Sommer, wenn  die Sommerfrischler kamen, zog die Familie in die Nebengebäude um und vermietete  das Haus an Gäste. Werner Foege kann sich noch gut  an einen Gast aus der Friesischen Wehde erinnern: Dr. Onken aus Zetel. In Nidden waren viele berühmte Persönlichkeiten der damaligen Zeit zu Gast (z.B. Heinz Rühmann, Max Pechstein, Thomas Mann usw.).

 

 

Der zweite Weltkrieg begann (Nidden gehörte von 1939 – 1945 zum Deutschen Reich) und der Vater (Johann Foege)  wurde 40jährig zur Kriegsmarine eingezogen. Das Leben auf der Kurischen Nehrung ging seinen gewohnten Gang weiter. Der Krieg war weit weg. Doch als die Ostfront 1944 näher nach Ostpreußen rückte, meldete der Vater sich von Trondheim (Norwegen) aus „ zur Verteidigung der Heimat“. Er bekam 14 Tage Sonderurlaub, das war im Juni 1944. „ …   und danach haben wir nie wieder etwas von ihm gehört“, berichtet Werner. Auf Befehl des Gauleiters Erich Koch wurden die kinderreichen Familien von Nidden aufgefordert Haus und Hof zu verlassen und sich gen Westen in „Sicherheit“ zu bringen. Man packte und der Zug brachte die Familie nach Rossitten in die Nähe von Königsberg, vier Wochen später ging die Fahrt weiter nach Pinnow in der Nähe von Anklam auf einen Gutshof. Dort wurde das 7. Kind geboren. Krieg bringt unsägliches Leid mit sich. Erschüttert berichtet Werner von den Misshandlungen der dort in der Nähe in einem Lager untergebrachten ca. 500 russischen Gefangenen.

1945 wurde die Familie Foege nach Friedland verfrachtet. Von dort, Mutter Martha wollte wieder in die Nähe der See, kam sie am 17.03 1945 auf dem Bahnhof Ellenserdamm in Oldenburg an und stieg dann in den Zug nach Steinhausen. Mit ihnen kamen die Familien Schekan, Pippis, Schmidt,  Quednau, Pietsch und Broscheit. Sie waren in Steinhausen gestrandet und wurden freundlich aufgenommen. Die Ortsfrauenschaftsleiterin Grete Schweer kümmerte sich mit den Steinhauser Bewohnern um die Vertriebenen Es wurde für Essen und Unterkunft gesorgt. Foeges erstes Zuhause wurde ein Raum in der Altdeutschen Diele bei Johann Chriselius, dort wo heute die Schankstube ist. (Im großen Saal lagerten sanitäre Anlagen aus Wilhelmshaven) Sie waren sieben Kinder, die Mutter, die Großeltern und das Findelkind, die 14jährige Elsbeth. Martha hatte das Kind kurzerhand „adoptiert“, als es allein und verlassen in Friedland da stand.

05. Mai 1945 – der Krieg war vorbei. Überall Trümmer, nicht nur Gebäudetrümmer! Foeges bekamen jetzt eine Bleibe, eine kleine Wohnung, in der alten Schule. Andere Familien wurden bei Schürmanns, Karl Janßen, bei Sandmanns, bei Jungclaus  usw. untergebracht. Die Bevölkerung spendete Möbel, Hausrat, Kanonenöfen, Torf und Brikett.  Das Mittagessen bekamen die Kinder abwechselnd bei verschiedenen Einheimischen. Besonders gut schmeckten im Winter die Kartoffeln mit Spinat erzählt Werner schmunzelnd,  was ihm auch heute noch sehr mundet, nun aber unter der Bezeichnung „Grünkohl“. Ein weiterer Umzug folgte in die Schwoonstraße zu Conrads und später in den „Poggenkrug“.

Bis zum vierten Schuljahr hatte Werner die Volksschule in Nidden besucht, danach drückte er in Steinhausen die Schulbank. Nach der Schule halfen er und seine Geschwister auf den Bauerhöfen beim Unkrautjäten usw. Dafür gab es dann „Taschengeld“, was die Mutter zum Herbst ausgezahlt bekam und dafür Kartoffeln kaufen konnte. Ein Zentner kostete damals 2,50 Reichsmark. Der Großvater starb. Die Mutter und die Großmutter zogen die sechs Jungen und das eine Mädchen alleine groß. Alle  Kinder haben eine Lehre gemacht. Einige blieben hier, andere zogen der Arbeit nach. Werner lernte seine Bärbel im „Grünen Wald“ in Bockhorn beim Tanzen kennen. Sie wurde in Schlesien geboren und machte mit ihrer Mutter und zwei Schwester den Marsch gen Westen zu Fuß immer auf den Bahngleisen entlang bis in den Harz. Sie haben in Bockhorn geheiratet, sich ein Haus in Steinhausen gebaut, ihre Kinder sind hier groß geworden. Werner ist  sehr lange Mitglied im Boßelverein, er und seine Bärbel gehören zu den Gründungsmitgliedern der Volkstanzgruppe Steinhausen.

 

Besucht hat Werner seinen Geburtsort Nidden l (1945 bis 1990 zur Litauischen Sozialistischen Sowjet-Republik, ab 1990 zum erneut unabhängigen Litauen) zwei Mal. Die  Landschaft der Nehrung ist wunderschön schwärmt er -  das Haff,  die große Düne, der Wald ,….  aber  dort leben?

 

Werner ist vor langer Zeit in Steinhausen gestrandet und er ist angekommen, er ist ein Steinhauser.

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Kommentare: 2
  • #1

    Malte (Donnerstag, 30 März 2017 16:41)

    Ein wirklich interessanter Beitrag.

  • #2

    Lory Thaler-Ercolano (Donnerstag, 01 August 2019 16:43)

    Oh ja - an Familie Foege erinnere ich mich noch sehr gut, habe ich doch mit meiner verwitweten Mutter zwischen 1949 und 1963 im Haus meiner Großeltern gelebt. Das Nachbarhaus, der "Poggenkrug" beherbergte eine Anzahl Flüchtlingsfamilien und auch die Poststelle von Heinrich Sturhan. "Opa" Foege und seine Schwiegertochter sprachen manchmal kurisch mit einander, für uns noch fremdartiger als die schlesischen Dialekte der anderen Mitbewohner. Sigfried war der jüngste Sohn, er war im letzten Schuljahr, als ich in die Klasse von Lehrer Meyer kam. Ich erinnere mich, dass er ein sehr guter Zeichner war. Neu ist mir die Verbindung zu Dr. Onken, unserem langjährigen Hausarzt. Während ich dies schreibe, fällt mein Blick auf eine Rauchglasvase. Sie ist wohl mein einziges überlebendes Konfirmationsgeschenk. Mutter Martha war schon sehr krank, hatte aber die einzige Tochter Lotti geschickt um mir Glück zu wünschen und die Vase zu schenken.